Die Band, bei der Altmeister Rainer Brüninghaus nach wie vor an den Tasten sitzt und der brasilianische E-Bassist Yuri Daniel mit seinem federnden, melodiösen Spiel eine mehr als solide Basis bildet, macht eher Weltmusik als genuinen Jazz. Garbarek, der im März 75 Jahre alt geworden ist, „singt“ mit souveräner Bravour auf Tenor-, Sopransaxophon und Flöte seine nordisch grundierten Lieder. Mit Sphärenklängen vom Keyboard, in die das Tenorsaxophon mit hauchigen Phrasen einstimmt, beginnt der Abend. Bis plötzlich ein Vulkan ausbricht. Zuvor hat es schon in Gurtus Percussionküche gebrodelt. Später nimmt er auf einem Klanghocker Platz und lässt Finger und Zunge in einem Wahnsinnstempo wirbeln und scatten. Zurück in seinem Schlagwerkstudio widmet sich Gurtu wieder intensiv seinem Tabla-Set.
Das Strickmuster der langen Kompositionen besteht aus dem Gegensatz von laut und leise, von langsam und schnell, oft im fliegenden Wechsel. Garbarek bläst auf seinen Saxophonen lyrische Kantilenen, die sich unter heftiger Beschleunigung in disharmonischen Katarakten auflösen. Er schafft so einen Kontrapunkt zu Yuri Daniels ausgefeiltem melodisch-rhythmischem Solo.
Wie bei ihm ziehen sich auch beim Soloauftritt von Rainer Brüninghaus am Flügel die Kollegen zurück. Der Pianist kann Boogie in tiefschwarze atonale Abgründe stürzen. Wie der Weltmusiker Garbarek auch für einen Moment kantigen Bebop aufblitzen lässt. Mehr Jazz gibt’s allerdings nicht. Dafür ein atemberaubendes Solo von Trilok Gurtu, in dessen Verlauf er virtuos alles bedient, was ihm an Trommeln, Becken und Effektinstrumenten zur Verfügung steht. Ein Wahnsinnstrip zwischen Rock und der Zwiesprache mit Vogelgezwitscher im Dschungel. Dann wird auch klar, was der grüne Eimer in seiner Ausrüstung soll. Er ist mit Wasser gefüllt, in das er ein Becken taucht. Noch ein ganz spezieller, spiritueller Klangeffekt, den er verschmitzt lächelnd mit einem „Amen“ beschließt. Dann geht die Post in einem Duett, besser Duell, mit dem Querflöte spielenden Garbarek wieder ab.
Die Vier haben sichtlich einen Riesenspaß, dass sie wieder vor großem – und trotz Freigabe – maskiertem Publikum auftreten dürfen. Darum hatte zu Beginn Theaterhauschef Werner Schretzmeier gebeten. Und bei der Gelegenheit an den Start der Jazztage vor über drei Jahrzehnten in Stuttgart-Wangen erinnert. Viele der Konzertgäste scheinen damals schon dabei gewesen zu sein. Inzwischen sind sie alle zusammen ergraut. Wie Jan Garbarek. Die Musik indes ist keine Spur von grau, sondern taufrisch wie eh und je.
Wolfgang Nußbaumer
(12.04.22)
0 comments